Die lange und bewegte Tradition der Ankersteine geht zurück auf den deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel. Der Begründer der Spielpädagogik und Erfinder des Kindergartens hat freie, denkende, kreative Menschen als Erziehungsziel. Fröbel ist auch Entwickler legendärer „Spielmittel“, z. B. 1838 des ersten systematischen Bauspiels für Kinder, das aus Holz besteht und einen Kubus als Grundform hat. So
werden Kinder in ihrem Fühlen, Denken, Erkennen angeregt und Motorik, Fantasie und Kreativität gefördert. Inspiriert durch die Holzbausteine Fröbels entwickeln die Brüder Lilienthal 1875 eine Rezeptur zur Herstellung von Mineralbausteinen, die aus einer Mischung von Quarzsand, Kalk und Leinölfirnis gepresst werden. Auf der Suche nach dem echten Baugefühl finden die Luftfahrtpioniere eine Alternative zu instabilen Holzbausteinen. Der erste Steinbaukasten überzeugt durch seine natürliche Haptik: Aufgrund von Präzision, Eigengewicht und Struktur können auch große Gebäude ohne Bindemittel gebaut werden. Da das kreative Genie der Brüder Lilienthal größer ist als ihr Vermarktungstalent, verkaufen sie hoch verschuldet das Rezept für die Herstellung ihrer Bausteine an den Universal-Unternehmer Richter. Der Fabrikant errichtet 1880 ein neues Gebäude für die Produktion von „Richters Anker-Steinbaukästen“ in Rudolstadt. Parallel dazu etabliert er eine Kunstanstalt, in der Künstler, Illustratoren und Architekten die Bauvorlagen für Baukästen erstellen und erschafft das erste Systemspielzeug der Welt. Diese werden zunächst als „Patent-Baukästen“ mit der Bildmarke eines roten Eichhörnchens vertrieben. Schon bald verlassen die Fabrik in Rudolstadt über 40.000 Anker Steinbaukästen, die ab 1895 unter dem Logo des Ankers vertrieben werden. In Wien, St. Petersburg, London und New York entstehen Niederlassungen und Zweigbetriebe. Anker-Steinbaukästen werden zum Synonym für kreatives, pädagogisch wertvolles Spielzeug. Ein ausgeklügeltes Erweiterungs- und Ergänzungssystem ermöglicht es, die Kästen beliebig zu variieren und kombinieren. Um den Wünschen des wachsenden Kundenstamms gerecht zu werden, erweitert sich das Sortiment stetig. Der Marketingexperte Friedrich Adolf Richter kann für seine Anker-Bausteine auf Lobeshymnen von so illustren Persönlichkeiten wie Thomas A. Edison oder dem US-Präsidenten Stephen Grover Cleveland verweisen. Als Richter 1910 stirbt, hinterlässt er ein Imperium in voller Blüte, mit Niederlassungen in ganz Europa und den USA. Die Stamm-Fabrik in Rudolstadt beschäftigt zu dieser Zeit 649 Arbeiter. Nach langen Jahren komplizierter Streitigkeiten um das Richter'sche Erbe führt schließlich die Inflation nach dem 1. Weltkrieg zum völligen Verlust der Bank- und Bargeldersparnisse des Unternehmens.
1921 wird die Firma grundlegend reorganisiert und in zwei staatliche Aktiengesellschaften aufgeteilt. Die Firma in Rudolstadt wird unter der DDR-Regierung in einen volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt. 1963 verfügt ein Beschluss der DDR-Führung die Einstellung der Produktion. Die Firma „VEB Anker-Steinbaukasten“ wird aufgelöst, die Produktionsanlagen anderweitig vergeben. Mit Ausnahme einiger kompletter Kästen werden alle Steine kostenlos abgegeben. Jeder darf vom Hof tragen, soviel Hände und Taschen fassen. Der Ankerstein hat viele treue Freunde, z. B. den 1979 in Holland gegründeten internationalen Club der Ankerfreunde, dem heute über 250 Mitglieder aus Holland, Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Ungarn, Chile, der Schweiz und den USA angehören. Der Club gibt wichtige Anregungen und Impulse und leistet einen enormen Beitrag zur Aufarbeitung der reichen Geschichte der Ankersteine. Den Bemühungen einer besonders hartnäckigen Gruppe von Ankersteinfreunden ist es zu verdanken, dass es die Baukästen heute wiedergibt. Der an der Berliner Technischen Universität lehrende Akustikprofessor und Anker-Liebhaber Georg Plenge startet das Projekt zur Anker-Renaissance. Unterstützt von Mitteln der EU und des Landes Thüringen wird 1995 die Produktion unter Verwendung noch vorhandener Vorlagen wieder aufgenommen. Der Markteinstieg erfolgt mit dem Grundkasten 6 und kurz darauf mit den Ergänzungskästen 6A und 8A. Auch heute noch hat die Anker-Steinbaukasten GmbH den Charme eines Handwerksbetriebs, der seine Traditionen pflegt und auf die zeitlosen Werte der Ankersteine setzt.
2009 sichern Gerhard Gollnest & Fritz-Rüdiger Kiesel durch Übernahme des Unternehmens die weitere Existenz der Anker - Steinbaukasten GmbH. Das Unternehmen wird am traditionellen Standort Rudolstadt weitergeführt. Die beiden Hersteller traditionellen Spielzeugs sind durch die Spielzeugmarken goki, 'cause, HOLZTIGER und HEIMESS bekannt. Nachdem das GOKI im Mai 2017 das Gewerbe für die Produktion der Ankersteine abgemeldet hatte, übernahm die Arbeiterwohlfahrt Rudolstadt das Unternehmen und produziert nun vor Ort die Steine, die wieder wie einst in alle Welt versandt werden.