25/03/2020
10 Thesen zu unserer Zukunft nach „Corona“
1. Das Gesundheitssystem wird zum deutschen Exportschlager Nr. 1
Das deutsche Gesundheitssystem kam bei der Bekämpfung der Corona-Krise zwar an seine Belastungsgrenze und darüber hinaus, allerdings wird Corona belegen, dass es im internationalen Vergleich deutlich leistungsfähiger ist als das vieler seiner westlichen Nachbarn. Die internationale Aufbereitung der Pandemie durch Experten wird dazu führen, dass viele Nationen das deutsche System – erneut – als Wiedervorlage nutzen, um ihr eigenes System effektiver gegen für den Kampf gegen zukünftige Epidemien aufzustellen.
2. Die Begrüßung ohne Händeschütteln wird zur neuen Etikette
Im öffentlichen Raum ist das freundliche Händeschütteln verschwunden. Was einst als Friedensgeste seinen Ursprung darin nahm, seinem Gegenüber eben nicht die Waffe entgegenzustrecken, ist in Zeiten internationaler Infektionsketten ein überlebter Gestus. Die Hand als „Waffe“ ist somit geblieben, nur der „Feind“ hat sich geändert. Unter Freunden ist das Bussi-Bussi aber weiter beliebt und auch das ordentliche Händewaschen ist nach wie vor eine Erziehungssache…
3. „Corona-Party“ wird Unwort des Jahres 2020
Nur Weniges drückt Egoismus, Ignoranz und Dummheit gleichermaßen aus wie das symbolhafte Feiern ausgelassener Partys im Kontext menschlichen Elends.
4. Das verpflichtende Soziale Jahr für junge Erwachsene wird eingeführt
Corona hat viele gesellschaftliche Fragen aufgeworfen: Wie kann man das zwar gute, aber dennoch verbesserungswürdige und vor allem in seinen Kosten ausufernde Gesundheitssystem weiter finanzieren? Wie füllt man die zahlreichen Planstellen an Fach- und Hilfskräften in der Pflege? Woher kommen die ausgebildeten Helfer in Krisenzeiten wie Corona, wenn alle Kräfte im Kampf gegen Pandemien mobilisiert werden müssen? Hinzu kamen andere gesellschaftliche Aspekte, wie etwa: Wie schafft es die Bundeswehr, die Personalqualität seiner Freiwilligenarmee zu steigern oder zu verbessern? Wie schaffen wir es, Polizei und andere systemrelevante Behörden zu entlasten, damit die verbliebenen Profis sich ihren Kernaufgaben widmen können? Das verpflichtende Soziale Jahr ist ein wichtiger Beitrag zur Lösung vieler drängender gesellschaftlicher Probleme und wurde eingeführt.
5. Das klassische Handwerk erlebt eine Renaissance
Nicht alle Menschen können digital arbeiten und in Zeiten geschlossener Grenzen wurde noch deutlicher, dass Fachkräfte, die Ihr Handwerk verstehen, nicht auf Bäumen wachsen. Da der Markt den Preis regelt, winken meisterlichen Handwerkern goldene Zeiten. Diese Botschaft musste nur noch bei den potenziellen Lehrlingen ankommen, die Ihr Heil in vermeintlich bequemeren einfachen Bürojobs suchten, von denen es aber aufgrund der umfassenden Digitalisierung viele nicht mehr gibt…
6. Die neue Bundesregierung wird schwarz-grün
Konservative Wertvorstellungen erleben eine Renaissance: Verantwortung für die Gesellschaft, Kontrolle über Grenzen und Zugänge, Stärkung heimischer Krisen-Infrastrukturen und gleichzeitig die Mobilisierung des ökologischen Bewusstseins und menschlicher Gemeinschaft. Die Bundesrepublik zur Corona-Zeit war nicht der Staat, der vornehmlich soziale Fragen beantworten musste. Die Politik musste hingegen den Spagat meistern, zwei vormals fast antagonistisch gegenüberstehende Weltanschauungen zu vereinen – weil das Volks es so wollte!
7. Nachhaltiges Wirtschaften und Finanzieren werden drastisch an Bedeutung zunehmen
Antibiotika-Produktion in Asien, fehlende Schutzausrüstung durch Beschlagnahme an den Schengen-Grenzen: Im Zuge der Corona-Krise verschärfte sich der Eindruck, dass effiziente, das heißt rein auf den Gewinn optimierte Marktstrukturen, an vielen Stellen gesellschaftlichen Mehrwert vernichten. Ebenso offenbarte die durch das Virus verursachte Verschnaufpause in der CO2-Produktion und industrieller Umweltverschmutzung einmal mehr den menschlichen Beitrag zur wachsenden Klima- und Umweltkatastrophe. Bereits vor Corona wurden unter Management-Fachleuten Begriffe wie der „Corporate Purpose“ – also der gesellschaftliche Zweck einer Unternehmung – sowie die so genannte „Licence to operate“, das heißt die gesellschaftliche (und damit langfristig die regulatorische) Legitimation einzelner Geschäftsmodelle, im Kontext nachhaltigen Wirtschaftens diskutiert. Das Ende der Corona-Krise und die daraus resultierenden Konsequenzen für das wirtschaftliche Handeln gaben diesen Diskussionen einen zusätzlichen Auftrieb. Gesellschaft und Gesetzgeber erwarten von Unternehmen die konsequente Übernahme einer nachhaltigen, auf Umwelt und Gesellschaft zielenden, Verantwortung.
8. Regional wird digital
Glokalisierung und Regionalisierung waren zwei der Folgen, die unsere wirtschaftlichen Strukturen verändert haben. Corona hat gezeigt, das digitale Geschäftsmodelle in Zeiten einer Pandemie leichter überleben, aber auch, dass Nähe und Solidarität wichtige Werte des menschlichen Daseins sind. Regionale Händler und Shops waren gezwungen, für ihre regionale Kundschaft digitale Strukturen zu schaffen, um langfristig überlebensfähig zu sein.
9. Bargeld wird abgeschafft
Schon aus ökonomischer Sicht ist lange vor Corona die Abschaffung von Bargeld diskutiert worden. Kassiererinnen mit Handschuhen und Geldtausch-Tellern werden vielen als Inbegriff des „verseuchten“ Geldes in Erinnerung bleiben. Wenn Bargeld zur Virenschleuder wird, ist seine Abschaffung eine Frage der Zeit.
10. Die Machtstrukturen in der Welt werden sich deutlich zugunsten Chinas verschieben
Raus aus den Dingen des Alltags und aus der Selbstbeschäftigung mit Deutschland. Auch international wird sich Vieles verändert haben. Europa hat seinen geschlossenen Weg vor Corona nicht gefunden und hat dies auch danach nicht geschafft. Nach der ersten Welle der Solidarität wurden die Fragen der Finanzierung der Hilfsprogramme neu hinterfragt und Grundsatzdiskussionen über Grenzen und Freiheiten geführt. Der stetig gewachsene Druck an den Außengrenzen, der durch die Corona-Pandemie durch ein unvorstellbares Ausmaß an menschlichem Leid und Elend noch befeuert wurde, hat diese Diskussion zusätzlich angetrieben. Die EU bewegt sich auf einen Staatenverbund mit rein wirtschaftlichen Interessen zu, garniert mit bilateralen Abkommen, die es Einzelstaaten erlaubt, untereinander stärker zusammenzuarbeiten. Als Machtfaktor wird Europa geopolitisch damit weiter an Bedeutung verlieren.
Dies wird auch den USA wiederfahren. Donald Trump wurde abgewählt. Corona hat die Flatterhaftigkeit seiner Politik und die Unfähigkeit als Krisenmanager auch bei seinen Kernwählern offenbart. Zudem wurde deutlich, dass Symbolpolitik auf Pump keine strukturellen sozialen Barrieren überwinden kann. In diesem Kontext hat die Pandemie im Zusammenwirken mit dem unsozialen Gesundheitssystem die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Schichten der USA so vertieft, dass in vielen Regionen quasi bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Die USA werden auf Jahre hinaus mit sich selbst beschäftigt bleiben und fallen als Hegemonialmacht und Weltpolizist zunehmend aus, egal, wer als Präsident auf Donald Trump folgt.
China hingegen hat als erste Supermacht, die die Virus-Pandemie überwunden hat, seinen wirtschaftlichen Einfluss durch die gezielte humanitäre und medizinische Unterstützung vor allem in den Entwicklungsländern ausgedehnt und wurde zum Motor der langsam an Fahrt aufnehmenden Weltwirtschaft.