Capitell CIO

Capitell CIO Chefanlagestratege Chris-Oliver Schickentanz berichtet über aktuelle Kapitalmarktthemen

22/12/2023

Letzter Arbeitstag in diesem Jahr! Und den habe ich zusammen mit Melina Rost der Frage gewidmet, warum unsere nachhaltige Vermögensverwaltung trotz toller Performance organisch kaum noch wächst und damit aktuell nicht mit unseren flexiblen konventionellen Lösungen mithalten kann. Mehr dazu in unserer aktuellen Ausgabe von Rendite x 2!
Jetzt aber erst einmal fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch in ein erfolgreiches und performanceträchtiges Jahr 2024!

Auch in dieser Woche dürften die Märkte vor allem auf vier Dinge achten: die aktuelle Lage im Nahen Osten, die innenpoli...
23/10/2023

Auch in dieser Woche dürften die Märkte vor allem auf vier Dinge achten: die aktuelle Lage im Nahen Osten, die innenpolitischen Querelen in den USA und die wieder stärkeren Spannungen im Verhältnis zwischen den USA und China. Hinzu kommt noch eine wahre Flut an Quartalsberichten.
Die Lage im Nahen Osten hat sich über das Wochenende immerhin nicht verschlechtert. Das führt heute Morgen zu einer leichten Entspannung beim Öl- und Goldpreis. Allerdings bleibt die Lage angespannt und kann jederzeit eskalieren. Ein wesentlicher Faktor könnte dabei der Beginn einer israelischen Bodenoffensive im Gaza-Streifen werden, die wahrscheinlich im Laufe der Woche ansteht. Ich hoffe, dass die mittlerweile massive US-amerikanische Militärpräsenz die arabischen Anrainerstaaten vor einer direkten Einmischung in den Konflikt abhalten wird und so mittelfristig eine Beruhigung an den Märkten einsetzt.
Innenpolitisch geht die Misere in den USA weiter. Am späten Freitag Abend hat Jim Jordan auch den dritten Wahlgang zum „Speaker“ verloren und seinen Verzicht auf das Sprecheramt angekündigt. Damit geht die Kandidatensuche von neuem los. Welcher republikanische Politiker sich diese Tortur allerdings noch antun möchte, bleibt fraglich. Und so bleibt die wichtigste Parlamentskammer der USA auch zu Beginn der vierten Woche weitgehend handlungsunfähig, die Uhr bis zum Ablauf des aktuellen Übergangshaushalts (17.11.) tickt gnadenlos runter. Das schlägt immer stärker auf das Renditeniveau der 10-jährigen Treasuries durch, die auch in dieser Woche wieder mit der 5%-Marke kämpfen werden. Im Gegenzug hat sich die Inversion der Kurve deutlich zurückgebildet, allein in der vergangenen Woche ging der Renditeabstand zwischen zwei- und zehnjährigen US-Staatsanleihen um mehr als 30 Basispunkte zurück. Eine nachhaltige Beruhigung an den Aktienmärkten wird erst nach einer Beruhigung bzw. einem Renditerückgang an den Anleihemärkten möglich sein.
Über das Wochenende haben die Spannungen zwischen den USA und China weiter zugenommen. In einer politisch ohnehin heiklen Ausgangssituation belastet das zusätzlich. Nach den Ausfuhrbeschränkungen für bestimmte Hochleistungschips durch die USA hat China nun reagiert und Exporte für Graphit begrenzt. Graphit ist ein wichtiges Ausgangsmaterial für Batterien und damit ein Schlüssel-Werkstoff für die Energiewende. Die gegenseitigen Scharmützel zeigen, dass sich die Beziehungen beider Länder mittlerweile wieder spürbar verschlechtern, nachdem es in den letzten Monaten eine Art Waffenstillstand gegeben hatte. Offensichtlich sieht die Biden-Administration in einer harten Haltung gegenüber China Chancen, Wählerstimmen zu gewinnen. Da passt auch die Meldung, dass China Steuerermittlungen gegen Foxconn eingeleitet hat – den wichtigsten Zulieferer von Apple.
Datenseitig kommen in dieser Woche die neuen Einkaufsmanagerindizes, die m.E. die „Bodenbildung“ bestätigen sollten und sich nicht weiter verschlechtern dürften. Darüber hinaus erwarten wir die PCE-Preisdaten aus den USA, die von der Fed intensiv beobachtet werden. Sie dürften im Vergleich zum (niedrigen) Vormonat etwas anziehen.
Die Gewinnberichtssaison nimmt ebenfalls Fahrt auf. In dieser Woche stehen u.a. aus unserem Portfolio am Dienstag Microsoft, Alphabet, Coca Cola und Halliburton an, am Mittwoch T-Mobile, am Donnerstag Amazon, Mastercard, Linde und American Tower und am Freitag Colgate-Palmolive an. Der bisherige Auftakt der Berichtssaison war durchwachsen und durch die politischen Konflikte überschattet. Zwar gab es die erhofften Positivüberraschungen. Allerdings wurden diese an der Börse weniger stark goutiert als negative Überraschungen abgestraft wurde. So zeigt sich nach zwei Wochen eine durchschnittliche Underperformance von 0,6% für die Unternehmen, die Gewinnberichte vorgelegt haben. Das sollte sich in dieser Woche spürbar verbessern. Unsere Portfolios in der Flexiblen Strategie mussten in den letzten Wochen zwar absolut Federn lassen, konnten den Vorsprung gegenüber der Benchmark aber sogar ausbauen. Anders sieht es in der Nachhaltigen Strategie aus, in der 2/3 der im Vergleich zur Flexiblen schwächeren Performance auf vertragsspezifische Ausschlüsse (v.a. kein Investment in Ölaktien) zurückzuführen ist, 1/3 auf eine schlechtere Einzeltitelselektion.

Ein Shutdown der US-Verwaltung wird immer greifbarer – wahrscheinlich bereits zu Beginn des neuen Haushaltsjahrs am komm...
28/09/2023

Ein Shutdown der US-Verwaltung wird immer greifbarer – wahrscheinlich bereits zu Beginn des neuen Haushaltsjahrs am kommenden Sonntag (01.10.). Denn aktuell liegen die Vorstellungen von Demokraten und Republikanern meilenweit auseinander. Zudem scheinen die Republikaner ihre eigene politische Agenda zu haben und sich eher auf die Vorbereitung eines Amtsenthebungsverfahrens für Joe Biden zu konzentrieren.
Selbst wenn sich Demokraten und Republikaner kurz vor Toresschluss noch auf ein kurzfristiges Übergangs-Budget einigen würden, wäre ein Shutdown wohl nur um wenige Wochen verschoben. Zu verfahren ist derzeit die Verhandlungssituation. Anders als bei den Gesprächen zur Schuldenobergrenze ist diesmal der Druck auch etwas niedriger. Denn die ökonomischen Folgen eines Shutdowns sind weniger gravierend als eine offizielle Zahlungsunfähigkeit.
Ein Shutdown ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen ist nichts desto trotz ein erhebliches politisches Risiko. Aktuell rechnen die Republikaner damit, dass Präsident Biden in der öffentlichen Wahrnehmung stärker leiden wird. Allerdings zeigt der letzte längere Shutdown – damals in der ersten Amtszeit von Obama – wie schnell die Stimmung in der Bevölkerung drehen kann. Von daher dürfen es die Republikaner auch nicht überziehen.
• Wir rechnen mit einem Shutdown, der drei bis vier Wochen dauern dürfte. Erfahrungsgemäß braucht es ein bis zwei Wochen, um den Druck auf die Verhandlungsparteien soweit zu erhöhen, dass erste Zugeständnisse möglich werden. Da Demokraten und Republikaner diesmal besonders weit in ihren Positionen auseinander liegen, wird es wohl danach noch eine längere Verhandlungsdauer geben müssen. In der Vergangenheit zeigte sich, dass insbesondere sich nähernde Auszahlungstage für den Sold aktiver Soldaten Bewegung in Verhandlungen bringen können. Diese stehen am 13.10. und 01.11. an.
• Angesichts der festgefahrenen Positionen ist es nicht ausgeschlossen, dass es im vierten Quartal zu wiederholten Shutdowns kommen wird. So könnte es immer wieder Kurzfrist-Kompromisse geben, die den Shutdown für wenige Wochen beenden.
• Ein vollständiger Shutdown dürfte das US-Wachstum direkt um ca. 0,15%-Punkte pro Woche bremsen. Hinzu kommen noch indirekte Effekte, so dass wir mit ca. 0,2%-Punkten Negativeffekt pro Woche rechnen. Damit würde das US-Wachstum in unserem Basisszenario um 0,6 bis 0,8%-Punkte reduziert werden.
• Während eines Shutdowns dürfte die Veröffentlichung offizieller Wirtschaftsdaten (z.B. Arbeitsmarktbericht, Erstanträge, Inflationszahlen) verschoben werden. Von daher müssen wir uns auf einen gewissen „Blindflug“ an den Märkten einstellen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Federal Reserve vorerst von weiteren Zinserhöhungen absieht. Denn dem versprochenen datenabhängigen Vorgehen fehlte es dann schlichtweg an genügend Futter.
• Das Schöne: Der Blick zurück auf historische Shutdown-Phasen zeigt, dass die negativen Wachstumseffekte weitgehend aufgeholt werden. Von daher ist mit einem positiven Nachholeffekt von mindestens 80% nach Ende des Shutdowns zu rechnen.

In dieser Woche stehen drei Themen im Fokus:  Akt 2 in der aktuellen China-Krise, die Quartalszahlen von NVIDIA und das ...
21/08/2023

In dieser Woche stehen drei Themen im Fokus: Akt 2 in der aktuellen China-Krise, die Quartalszahlen von NVIDIA und das jährliche Notenbanktreffen in Jackson Hole +++ In China wurde hinter den Kulissen auch am Wochenende an einer Stabilisierung der schwierigen Lage gearbeitet. Die Zentralregierung hat die Geschäftsbanken aufgefordert, wieder mehr Kredite zu vergeben und damit den notleidenden Immobiliensektor zu stabilisieren. Darüber hinaus sollen börsennotierte Unternehmen verstärkt eigene Aktien zurückkaufen, um so den Kursverfall an den chinesischen Märkten zu stoppen. Bis dato hat diese politische Wunschliste aber wenig bewirkt. Heute Morgen haben die Geschäftsbanken zwar den Kreditzins für einjährige Laufzeiten reduziert, bei den für Immobiliengeschäfte viel wichtigeren längeren Laufzeiten gab es dagegen keine Zinssenkung. Das ist zu wenig, um die aktuell aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, geschweige denn die massiven Probleme in den Griff zu bekommen. Entsprechend wächst der Druck auf Politik und Notenbank, in den kommenden Tagen ein großes Maßnahmenpaket zusammenzustellen. Die Tatsache, dass es auch über das Wochenende wieder vereinzelt Proteste vor Banken gegeben hat, dürfte alle Warnlampen in Peking angehen lassen +++ Am Mittwoch legt der Chiphersteller NVIDIA seine Quartalszahlen vor. Normalerweise wäre uns das nur eine Randnotiz im Wochenausblick wert. Doch diesmal dürften die Zahlen für den gesamten Technologiesektor richtungsweisend werden. Denn mit NVIDIA steht oder fällt die Fantasie, dass der Megatrend Künstliche Intelligenz zu einem spürbaren Wachstumstreiber werden kann. Im Vorfeld der Zahlen haben sich zahlreiche Analysten sehr positiv über die Geschäftsperspektiven geäußert und ihre Kursziele für NVIDIA deutlich angehoben. Die Latte liegt also nicht gerade niedrig. Wir rechnen damit, dass NVIDIA die Erwartungen im abgelaufenen Quartal dennoch übertroffen hat und seinen Umsatz praktisch verdoppeln konnte. Darauf deuten jedenfalls die Aussagen von Microsoft, Alphabet & Co in ihren jeweiligen Analystencalls hin. Spannender wird der Ausblick für die kommenden Quartale. Er dürfte darüber bestimmen, ob das AI-Thema nach der jüngsten Atempause auch in den kommenden Monaten zu einem positiven Kurstreiber werden kann +++ Ab Donnerstag beginnt dann im idyllischen Jackson Hole (siehe Foto) das jährliche Notenbanktreffen der Fed. Die mit Spannung erwartete Rede von Jay Powell folgt am Freitag. Wir erwarten einen leicht hawkishen Akzent, ohne dass sich Powell die Flexibilität nehmen lassen dürfte, auf weitere Zinserhöhungen zu verzichten. Überhaupt erwarten wir den thematischen Fokus eher im langfristig-strukturellen Bereich, so dass die Hoffnungen auf schnelle Klarheit zur kurzfristigen Zinspolitik enttäuscht werden könnten. Dessen ungeachtet gilt: Jackson Hole sorgt üblicherweise in der Woche danach für steigende Kurse +++ Konjunkturseitig kommen am Mittwoch die Einkaufsmanagerindizes für August. Sie sind damit wohl der wichtigste Datenpunkt in einer ansonsten eher datenarmen Woche +++ Ebenfalls Mittwoch steigt das erste TV-Duell der republikanischen Präsidentschafts-kandidaten, das nach der Absage von Donald Trump aber eher zur Randnotiz werden dürfte +++ Heute Morgen haben die BIP-Daten in Thailand enttäuscht. Ansonsten probieren die asiatischen Märkte außerhalb Chinas eine Stabilisierung, notieren kurz vor Handelsschluss aber spürbar unter ihren Tageshochs +++ Vorbörslich kamen die Produzentenpreise aus Deutschland, die im Juli deutlich stärker zurückgefallen sind als erwartet. Das ist angesichts der gestiegenen Ölpreise bemerkenswert und dürfte die Inflationsängste in der Eurozone dämpfen

15/08/2023

Als unabhängiger Vermögensverwalter ist die Capitell AG keine Bank. Doch wo werden dann eigentlich die von uns allokierten Wertpapiere physisch vorgehalten? Und was gilt es sonst noch zu beachten? Mehr dazu in einer neuen Folge Börsen-ABC...diesmal aus der Sommerfrische in der Fränkischen Schweiz.

+++Nach zwei sehr intensiven Wochen können die Börsianer in den kommenden Handelstagen erst einmal durchatmen und den US...
07/08/2023

+++Nach zwei sehr intensiven Wochen können die Börsianer in den kommenden Handelstagen erst einmal durchatmen und den US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag R***e passieren lassen. Während die Zahl der neugeschaffenen Stellen leicht enttäuscht hat, fiel der „Household Survey“ deutlich stärker aus. Das erklärt, warum die ausgewiesene Arbeitslosenquote erneut auf ein Zyklustief (3,5%) gefallen ist. Das dürfte der Federal Reserve ebenso nicht schmecken wie der stärkere Anstieg der Stundenlöhne. Trotzdem gehen wir nicht davon aus, dass die Zahlen stark genug waren, um die Fed noch zu einer weiteren Zinserhöhung im September zu bewegen +++ In dieser Woche dürften die US-Inflationszahlen am Donnerstag im Vordergrund stehen. Wir erwarten zwar keinen stärkeren Rückgang der Inflationsrate mehr im Vormonatsvergleich, mit 0,2% Inflation mom dürfte die Teuerung aber ein Niveau erreichen, das von der Fed toleriert werden dürfte. Wichtig: Die Headline Inflation dürfte aufgrund der wieder steigenden Energiepreise nicht mehr stärker zurückkommen (s.u.) +++ Aus China bekommen wir bereits am Mittwoch Inflationsdaten, die den Deflationsdruck im Land untermauern dürften und damit die Notwendigkeit geldpolitischer (und fiskalpolitischer) Gegenmaßnahmen zeigen +++ Geopolitisch dürfte die Eskalation im Ukraine-Krieg im Fokus stehen. Die zunehmenden Angriffe auf russische Tanker hat zusammen mit den Produktionskürzungen Saudi-Arabiens die Ölpreise wieder auf deutlich über 80 USD / Barrel steigen lassen. Das wird einen weiteren schnellen Rückgang der „Headline Inflation“ verhindern und bremst die Wahrscheinlichkeit schneller Zinssenkungen der Notenbanken. Allein im letzten Monat ist WTI um über 15% angestiegen – mit entsprechend negativen Folgen für die Benzinpreise +++ Unternehmensseitig erwarten wir in dieser Woche noch einige wegweisende Quartalsberichte, so z.B. von Eli Lilly, Bayer, Walt Disney, Sony, Novo Nordisk, Siemens, Deutscher Telekom, Allianz und RWE +++ Heute Morgen in Asien dominieren die Minuszeichen, auch wenn sich die Kurse im Handelsverlauf leicht erholen können. Negativer Ausreißer sind die chinesischen Indizes, die angesichts noch immer fehlender Fakten zu einem großangelegten Konjunkturprogramm unter steigender Nervosität leiden. Die Renditen von US-Treasuries steigen im asiatischen Handel wieder leicht an, nachdem sie am Freitag im US-Handel noch deutlich gefallen waren. Mit 4,07% bleiben sie aber erst einmal ein Stück weit unter dem 15-Jahreshoch vom Herbst letzten Jahres +++ Heute Morgen wurden die Juni-Daten für das produzierende Gewerbe Deutschlands vorgelegt. Sie enttäuschten die Erwartungen mit einem Rückgang in Höhe von 1,5% mom. Die Industrieproduktion (= produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) gab mit -1,3% mom ebenfalls deutlich nach, was an den Investitionsgütern lag (-3,9% mom). Wir erwarten mit Blick auf die getrübten Stimmungsdaten, dass die Schwäche in der deutschen Industrie noch einige Monate Bestand haben wird +++ Ansonsten wird heute terminseitig ein ruhiger Tag, der lediglich von Reden von Fed-Vertretern und Wortmeldungen aus der Bank of England gekennzeichnet ist +++

Die Aktien- und Rentenmärkte haben gestern vergleichsweise moderat auf die Ratingherabstufung der USA durch Fitch reagie...
03/08/2023

Die Aktien- und Rentenmärkte haben gestern vergleichsweise moderat auf die Ratingherabstufung der USA durch Fitch reagiert. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man die aktuelle Kursreaktion mit dem August 2011 vergleicht. Damals hatte die Ratingagentur S&P der USA die Top-Bonität AAA aberkannt. Am Tag der Herabstufung (05.08.11) reagierte der S&P 500 mit einem Kursminus von nahezu 7%, der Stoxx 600 fiel um 4%. Dieser Negativtrend hielt an, bis die Federal Reserve ihre taubenhafte Ausrichtung am 09.08.2011 bestätigte und damit die Märkte beruhigte. Was könnte die unterschiedliche Reaktion der Märkte erklären?
1. 2011 war das gesamte Umfeld an den Kapitalmärkten fragiler. In Europa köchelte die Staatsschuldenkrise, in den USA wirkte die Immobilien- und Bankenkrise nach. Zwar ist das Umfeld aufgrund der Corona-Spätfolgen und des Ukraine-Kriegs auch heute nicht ideal, aber trotzdem deutlich robuster als damals. So wurden beispielsweise 2011 kurz vor dem Rating-Downgrade US BIP-Zahlen veröffentlicht, die die Erwartungen der Ökonomen weit verfehlten. Da bewegen wir uns heute in einem visibleren und verlässlicheren Umfeld.
2. Das S&P-Downgrade war das erste einer renommierten Ratingagentur und hatte gravierende Folgen. Profi-Anleger, die laut ihren Anlagerichtlinien nur in Top-Bonitäten investieren dürfen, haben sich zwangsweise von Tresasury-Positionen getrennt. Dass nun noch eine zweite Adresse folgt, hat deutlich weniger Folgen, weil die meisten Anleger mit restriktiven Richtlinien bereits nicht mehr investiert sind. Zudem gilt Fitch unter den bekannten Ratingagenturen eher als „klein“.
3. Die Notenbanken stehen heute am Ende ihres Zinserhöhungszyklus‘ und haben damit im „worst case“ genügend Munition, um gegenzusteuern zu können. Damals dagegen lagen die Leitzinsen als Folge der Finanzmarktkrise auf sehr niedrigem Niveau und begrenzten den (konventionellen) Handlungsspielraum der Notenbanken.
Trotzdem könnte das Rating-Downgrade für viele Investoren eine willkommenen „Ausrede“ sein, die in den ersten sieben Monaten aufgelaufenen Kursgewinne am Aktienmarkt zumindest teilweise mitzunehmen. Die Stimmung und Positionierung der Großinvestoren ist mittlerweile deutlich optimistischer als noch zu Jahresbeginn, was eine derartige Bewegung entsprechend akzentuieren kann.

27/06/2023

Nachhaltigkeit in der Geldanlage ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Und das mitunter aus ganz egoistischen Überlegungen. Schließlich wird nur das Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein, das Nachhaltigkeitsrisiken ernst nimmt und diese minimiert. Dann ist Nachhaltigkeit auch kein Performanceverhinderer, sondern ein Erfolgsfaktor. In der aktuellen Ausgabe von "Rendite x 2" schaue ich gemeinsam mit Melina Rost auf die ziemlich ernüchternden Zahlen zur ESG-Präferenz deutscher Privatanleger und erkläre, warum wir unsere nachhaltige Vermögensverwaltung noch einmal neu aufgestellt haben. Mit mehr als 10% plus im bisherigen Jahresverlauf ist die übrigens unserer konventionellen Linie absolut ebenbürtig.

Die britische Inflationsrate lag auch im Mai deutlich über den Erwartungen der Volkswirte. Die „Headline Inflation“ verh...
21/06/2023

Die britische Inflationsrate lag auch im Mai deutlich über den Erwartungen der Volkswirte. Die „Headline Inflation“ verharrt auf dem hohen Niveau der Vormonate, die für die Notenbankpolitik wichtigere Kerninflation hat sogar noch einmal an Dynamik zugelegt. Einige Investoren machen sich Sorgen, dass uns derart negative Inflationsüberraschungen auch in der Eurozone oder den USA drohen und Großbritannien dementsprechend als Früh-Warnsignal für globale Preistrends fungiert.

Das ist m.E. allerdings falsch:
• Ein erheblicher Teil des starken Inflationsanstiegs ist auf die direkten und indirekten Folgen des Brexit zurückzuführen. Diese haben zu einem Engpass am Arbeitsmarkt geführt und in den letzten Quartalen ein erhebliches Lohnwachstum nach sich gezogen. Hinzu kommen restriktive Einführungsbestimmungen und Zölle, die den Import von Waren entsprechend verteuert haben.
• Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Großbritannien schon immer mit höheren Inflationsraten zu kämpfen hatte als der „Rest der Welt“. So liegt die durchschnittliche Teuerungsrate seit 1924 nur knapp unter 4%. Selbst in der Niedrig-Inflationsphase nach Ende der Finanzmarktkrise fiel die Inflation in Großbritannien nahezu doppelt so hoch aus als in der Eurozone. Ein Grund dafür: Das Vereinigte Königreich ist eine Insel und muss von daher viele Waren sehr kostenintensiv transportieren.
Angesichts der deutlich fallenden Erzeugerpreise in Deutschland, vielen europäischen Nachbarstaaten und den USA sehe ich die britische Inflationsentwicklung daher als „Ausnahme“ von der Regel. Mein Bild weiter fallender Inflationsraten wird von daher durch die jüngsten Daten nicht gefährdet. Trotzdem kann es zu Rückkopplungen auf die internationalen Kapitalmärkte kommen, z.B. durch neue Schieflagen bei britischen Pensionsfonds.

Die US-Notenbank ist gestern deutlich hawkisher wahrgenommen worden als erwartet. Insbesondere die zukünftigen Leitzinse...
15/06/2023

Die US-Notenbank ist gestern deutlich hawkisher wahrgenommen worden als erwartet. Insbesondere die zukünftigen Leitzinserwartungen („Dot Plots“) der Fed-Mitglieder überraschten negativ, weil sie mehrheitlich mindestens zwei weitere Zinserhöhungen unterstellen und mit einem Zielzins von 5,6% über den Markterwartungen liegen (5,3%). Trotz dieser Überraschung haben die Märkte nur sehr moderat reagiert. Und das ist u.E. auch richtig:
1. Die „Dot Plots“ waren in der Vergangenheit kein besonders zuverlässiger Indikator für die tatsächliche Politik der Notenbank. Sie sollten von daher auch nicht als Punktprognose verstanden werden, sondern als Tendenzaussage. Für uns bedeutet das: Wir bleiben dabei, dass die Fed wohl nur noch einmal den Leitzins anheben wird und die Markterwartungen daher durchaus zutreffen.
2. Die Tatsache, dass die Fed gestern nach 10 aufeinanderfolgenden Zinserhöhungen eine Pause eingelegt hat, ist u.E. ein klares Signal, dass wir uns der „Endphase“ dieses Zinserhöhungszyklusses nähern. Wir erwarten, dass die zeitverzögerte Wirkung der in den letzten 12 Monaten beschlossenen Maßnahmen ausreichend dämpfende Wirkung auf Wirtschaft und Inflation haben wird und wir mit Blickrichtung viertes Quartal eher über Rezessionsrisiken als über Inflationsrisiken sprechen müssen.
3. In Relation zur EZB ergeben sich keine größeren Verschiebungen bei den Zinsdifferenzen. Die EZB wird heute den Leitzins wohl noch einmal erhöhen und eine weitere Zinserhöhung im Juli signalisieren. Damit wäre man „pari“ mit der Fed. Für den US-Dollar dürfte das eine Seitwärtsbewegung zum Euro bedeuten, ehe die Märkte sich zum Jahresende hin wieder stärker auf den Zeitpunkt der ersten Zinssenkung konzentrieren werden (in den USA wahrscheinlich in Q1 2024, in der Eurozone deutlich später). Das könnte den Greenback dann ggf. wieder etwas schwächen.

Die aktuellen US-Inflationszahlen für Mai liefern Optimisten wie Pessimisten Nahrung. Auf der positiven Seite hat sich d...
13/06/2023

Die aktuellen US-Inflationszahlen für Mai liefern Optimisten wie Pessimisten Nahrung. Auf der positiven Seite hat sich die Inflationsdynamik gegenüber Vorjahr spürbar verringert. Nur noch 56% des US-amerikanischen Warenkorbs liefert Preissteigerungsbeiträge größer 4% - das ist im Vergleich zu den Vormonaten eine deutlich rückläufige Tendenz. Von daher ist der Disinflationstrend also vollständig intakt.
Auf der negativen Seite ist die Kerninflation etwas stärker angestiegen als erhofft. Das lag insbesondere an den Gebrauchtwagenpreisen und den kalkulatorischen Mieten. Letztere dürften in den kommenden 12 Monaten aber deutlich an Dynamik verlieren und so die Kernrate perspektivisch entsprechend dämpfen. Die "Super Core-Inflation", die nur Preisveränderungen im Dienstleistungssektor berücksichtigt, ist im Mai wieder doppelt so stark gestiegen wie im Vormonat, bleibt aber spürbar unter dem Niveau der "offiziellen" Kernrate.
Für die Zinsentscheidung der Federal Reserve wird sich durch die heutigen Daten wohl nichts ändern: Ich erwarte für morgen eine Zinspause und dann im Juli die wohl letzte Zinserhöhung. Eine erste Zinssenkung dürfte dann zu Jahresbeginn 2024 anstehen, wenn die Kerninflation erstmals wieder unter 3% fallen dürfte. Das deckt sich mittlerweile weitgehend mit den Markterwartungen, die über die letzten sechs Wochen drei Zinssenkungen in diesem Jahr ausgepreist haben.

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