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Wenn der Versicherungsmakler einen digitalen Kollegen bekommtWas ein japanisches Experiment mit 35.000 Beratern darüber ...
17/09/2026

Wenn der Versicherungsmakler einen digitalen Kollegen bekommt

Was ein japanisches Experiment mit 35.000 Beratern darüber verrät, wie künstliche Intelligenz die Versicherungsberatung verändern könnte

Wer eine Lebensversicherung, eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder eine private Altersvorsorge abschließt, trifft eine merkwürdige Entscheidung. Er entscheidet heute über einen Vertrag, dessen Qualität sich möglicherweise erst nach Jahrzehnten erweist, und er tut dies auf der Grundlage von Annahmen über ein Leben, das noch gar nicht stattgefunden hat. Wie hoch wird das Einkommen in zwanzig Jahren sein, wie lange läuft die Finanzierung des Hauses, welche Ansprüche entstehen aus der gesetzlichen Rentenversicherung, was geschieht mit der Familie, wenn ein Einkommen plötzlich ausfällt, und welche Kaufkraft werden jene zweitausend Euro besitzen, die irgendwann einmal als monatliche Versorgung vorgesehen wurden?

Die meisten Menschen können diese Fragen nicht zuverlässig beantworten, und das ist kein Zeichen mangelnder finanzieller Bildung. Die Fragen sind schwierig, weil ein menschliches Leben keine Excel-Tabelle ist und weil sich Einkommen, Familie, Vermögen, Gesundheit, Inflation und gesetzliche Versorgung im Laufe von Jahrzehnten verändern. Gerade deshalb gibt es Versicherungsberater und Versicherungsmakler, deren eigentliche Aufgabe nicht darin bestehen sollte, möglichst viele Verträge zu verkaufen, sondern aus einer unübersichtlichen Lebenssituation zunächst eine vernünftige Vorstellung davon zu entwickeln, welches Risiko überhaupt abgesichert werden muss.

Aus Japan kommt nun eine Nachricht, die auf den ersten Blick lediglich nach einer weiteren Anwendung generativer künstlicher Intelligenz im Versicherungsvertrieb klingt, bei näherer Betrachtung jedoch eine wesentlich grundsätzlichere Frage aufwirft. Der japanische Lebensversicherer Dai-ichi Life hat einen sogenannten „Digital Buddy“ für rund 35.000 seiner Vertriebsmitarbeiter eingeführt. Seit April wird das System landesweit von den dort als „Life Plan Designer“ bezeichneten Beratern eingesetzt. Es verbindet generative künstliche Intelligenz mit bestehenden Unternehmens- und Kundensystemen, kann Informationen aus Beratungsgesprächen zusammenfassen, interne Informationen heranziehen, bei der Vorbereitung individueller Kundenvorschläge helfen und die anschließende Kommunikation unterstützen.

Der Ausdruck „Digital Buddy“ ist dabei bemerkenswert gut gewählt, denn Dai-ichi Life versucht gerade nicht, den Menschen aus dem Beratungsgespräch zu entfernen. Die Maschine sitzt gewissermaßen neben ihm. Sie soll sich erinnern, suchen, ordnen und vorbereiten, während der Mensch weiterhin mit dem Kunden spricht und die Beratung verantwortet.

Interessant wird dieses japanische Experiment jedoch erst, wenn man den Gedanken über die heute bereits eingesetzten Funktionen hinausführt und fragt, was ein solcher digitaler Kollege künftig tatsächlich leisten könnte. Denn die schwierigste Aufgabe einer Versicherungsberatung besteht nicht darin, einem Kunden einen Tarif zu zeigen. Sie besteht darin, herauszufinden, welchen Versicherungsschutz dieser Mensch überhaupt benötigt.

Man stelle sich eine vierköpfige Familie vor, die ein Haus gekauft hat. Beide Eltern arbeiten, auf der Immobilie liegt noch ein Kredit, zwei Kinder gehen zur Schule, der eine Ehepartner besitzt eine betriebliche Altersversorgung, der andere eine ältere Lebensversicherung, außerdem existieren eine Berufsunfähigkeitsversicherung, verschiedene Sparverträge und gesetzliche Rentenansprüche. Einige Unterlagen liegen in einem Ordner, andere befinden sich im E-Mail-Postfach, manche Zahlen kennt niemand mehr genau, und die Lebensversicherung wurde vor zwölf Jahren unter Voraussetzungen abgeschlossen, die mit der heutigen familiären Situation nur noch wenig zu tun haben.

Wenn diese Familie wissen möchte, was geschehen würde, falls morgen eines der Einkommen dauerhaft ausfällt, beginnt eine erstaunlich aufwendige Rechnung. Zunächst müssen bestehende Ansprüche festgestellt, Versicherungsleistungen geprüft, Kreditverpflichtungen berücksichtigt und laufende Lebenshaltungskosten geschätzt werden. Anschließend muss entschieden werden, über welchen Zeitraum die Familie welches Einkommen benötigt und welche Annahmen über Inflation, Einkommensentwicklung und Vermögensbildung sinnvoll sind. Erst danach lässt sich überhaupt seriös darüber sprechen, ob eine Versorgungslücke besteht.

Genau hier könnte künstliche Intelligenz die Versicherungsberatung stärker verändern als durch jeden noch so freundlichen Chatbot.

Ein fachlich spezialisiertes System könnte, selbstverständlich nur mit Zustimmung des Kunden und unter klar geregeltem Datenzugriff, die vorhandenen Verträge erfassen, Versicherungsleistungen zuordnen, fehlende Informationen erkennen und verschiedene Szenarien berechnen. Es könnte feststellen, wie sich die finanzielle Situation verändert, wenn ein Einkommen wegen Berufsunfähigkeit wegfällt, wenn ein Elternteil stirbt, wenn die Immobilienfinanzierung früher oder später endet oder wenn die tatsächliche Inflation von der ursprünglich angenommenen Entwicklung abweicht. Vor allem könnte es dieselbe Rechnung nicht nur einmal durchführen, sondern immer wieder neu berechnen, sobald sich im Leben des Kunden etwas Wesentliches verändert.

Die Versorgungslücke, die in Beratungsgesprächen gelegentlich wie eine beinahe naturwissenschaftlich feststehende Zahl erscheint, würde dadurch paradoxerweise weniger absolut und zugleich aussagekräftiger. Ein intelligentes Analysesystem müsste nicht behaupten, der Familie fehlten im Alter exakt 1.437 Euro im Monat, sondern könnte zeigen, unter welchen Voraussetzungen diese Zahl entsteht. Bei einer bestimmten Einkommensentwicklung könnte die Lücke vielleicht 900 Euro betragen, bei höherer Inflation 1.700 Euro, und bei einer längeren Erwerbstätigkeit wiederum erheblich weniger. Der Kunde sähe nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Bedingungen, unter denen es gilt.

Gerade darin könnte ein qualitativer Fortschritt liegen, denn gute Finanzberatung besteht nicht darin, Unsicherheit hinter einer möglichst präzise aussehenden Zahl zu verstecken. Sie besteht darin, Unsicherheit so weit zu strukturieren, dass ein Mensch eine vernünftige Entscheidung treffen kann.

Für den Versicherungsmarkt hätte eine solche Entwicklung weitreichende Folgen, weil sie eines seiner ältesten Probleme berührt: die ungleiche Verteilung von Information. Der Versicherer kennt seine Produkte, Tarife und Bedingungen wesentlich besser als der Kunde; der Vermittler besitzt in der Regel mehr Fachwissen als der Verbraucher; der Kunde wiederum kennt sein eigenes Leben, seine Pläne und seine finanziellen Möglichkeiten besser als beide. Eine vernünftige Beratung muss diese drei Wissenswelten zusammenbringen, und genau das kostet heute vor allem eines: Zeit.

Ein leistungsfähiger KI-Agent könnte diese Informationsasymmetrie nicht beseitigen, wohl aber erheblich verkleinern. Er könnte Bedingungen verschiedener Verträge nebeneinanderlegen, auf Unterschiede aufmerksam machen, bestehende Versicherungen in eine Gesamtanalyse einbeziehen und offenlegen, welche Information für eine Empfehlung noch fehlt. Der Kunde müsste weniger darauf vertrauen, dass schon alles berücksichtigt worden sei, wenn er selbst nachvollziehen könnte, welche Annahmen in die Berechnung eingeflossen sind.

Noch interessanter würde die Situation, wenn künftig nicht nur der Vermittler einen solchen digitalen Kollegen besitzt, sondern auch der Kunde. Dann träfe im Beratungsgespräch nicht mehr ein fachlich informierter Vermittler auf einen Verbraucher, der eine vierzigseitige Versicherungsbedingung kaum beurteilen kann. Der Kunde könnte die vorgeschlagene Lösung von seinem eigenen KI-System erklären und überprüfen lassen, könnte nach Alternativen fragen und sich zeigen lassen, welche Folgen ein bestimmter Ausschluss oder Selbstbehalt tatsächlich hat.

Damit würde künstliche Intelligenz ausgerechnet jenen Vermittlern einen Vorteil verschaffen, die gelegentlich als Erste von ihr bedroht erscheinen: den wirklich guten.

Denn je leichter Aussagen, Vertragsbedingungen und Berechnungen überprüfbar werden, desto schwieriger wird es, schlechte Beratung hinter Fachsprache zu verstecken. Wer seinem Kunden tatsächlich erklären kann, weshalb eine bestimmte Absicherung sinnvoll ist, braucht die zusätzliche Transparenz nicht zu fürchten. Wer dagegen vor allem davon lebt, dass der Kunde die Unterschiede zwischen zwei Produkten nicht versteht, bekommt ein Problem.

Der vielleicht größte wirtschaftliche Effekt läge jedoch an einer anderen Stelle. Hochwertige Versicherungsberatung ist heute teuer, selbst wenn der Kunde dafür keine gesonderte Rechnung erhält. Jemand muss Unterlagen lesen, Daten erfassen, Angebote vergleichen, Berechnungen durchführen, Rückfragen stellen und das Ergebnis dokumentieren. Je gründlicher diese Arbeit geschieht, desto mehr Arbeitszeit kostet sie. Deshalb besteht im Vertrieb ein struktureller Konflikt zwischen Beratungsqualität und Wirtschaftlichkeit, der sich auch durch noch so gute Regulierung nicht vollständig beseitigen lässt.

Wenn künstliche Intelligenz einen erheblichen Teil dieser Vorarbeit übernehmen könnte, würde nicht lediglich der Vermittler schneller. Viel wichtiger wäre, dass eine Analyse, die heute wirtschaftlich vielleicht nur für einen besonders interessanten Kunden vertretbar ist, plötzlich auch für einen gewöhnlichen Haushalt möglich würde.

Das wäre eine bemerkenswerte Veränderung, weil damit nicht die Versicherung selbst billiger werden müsste, sondern zunächst die Herstellung von Beratungsqualität. Der digitale Kollege wird nicht müde, wenn er den siebzehnten Vertrag liest, und er wird nicht ungeduldig, wenn dieselbe Berechnung mit drei anderen Annahmen wiederholt werden soll. Seine wirtschaftliche Stärke liegt gerade darin, dass die zusätzliche Analyse nur geringe zusätzliche Arbeitszeit des Menschen beansprucht.

Für Maklerunternehmen würde daraus allerdings ein neuer Wettbewerb entstehen. Wenn ein einzelner Berater mit Unterstützung spezialisierter KI-Systeme wesentlich mehr Kunden gründlich analysieren kann, verliert die Größe eines Beratungsunternehmens einen Teil ihrer bisherigen Bedeutung. Ein kleines Maklerhaus könnte plötzlich über Analysekapazitäten verfügen, für die früher eine ganze Fachabteilung notwendig gewesen wäre. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil bestünde dann weniger darin, wie viele Mitarbeiter ein Unternehmen beschäftigt oder wie viele Tarifinformationen ein einzelner Vermittler im Gedächtnis behalten kann, sondern darin, wie gut menschliches Fachwissen, Kundendaten und maschinelle Analyse miteinander verbunden werden.

Gerade deshalb wäre es allerdings gefährlich, künstliche Intelligenz mit Neutralität zu verwechseln. Eine Maschine besitzt keine eigenen Provisionsinteressen, aber das bedeutet keineswegs, dass das System, in dem sie arbeitet, interessenfrei wäre. Wenn ein Versicherer einen Agenten entwickelt, der ausschließlich die eigenen Produkte kennt, entsteht eine andere Beratung als bei einem unabhängigen System, das unterschiedliche Anbieter und Vertragsbedingungen berücksichtigen kann. Wenn eine Bedarfsanalyse so konstruiert wird, dass möglichst viele versicherbare Risiken als Versorgungslücke erscheinen, hätte man keinen neutralen digitalen Berater geschaffen, sondern lediglich einen außerordentlich effizienten Verkäufer.

Die entscheidende Frage wird deshalb nicht nur lauten, wie intelligent eine Versicherungs-KI ist, sondern wem ihre Intelligenz dient.

Ein wirklich bedarfsgerechtes System müsste seine Annahmen offenlegen, Unsicherheiten sichtbar machen und deutlich unterscheiden können zwischen einer mathematisch festgestellten Risikolücke und der wirtschaftlichen Empfehlung, diese Lücke tatsächlich durch einen Versicherungsvertrag zu schließen. Eine Familie kann schließlich nahezu jedes denkbare Risiko absichern und am Ende feststellen, dass die Summe ihrer Versicherungsbeiträge so hoch geworden ist, dass kaum noch Geld für Vermögensbildung und das gegenwärtige Leben übrigbleibt. Bedarfsgerechte Beratung bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Lücken zu finden, sondern jene Risiken zu identifizieren, deren finanzielle Folgen der Kunde vernünftigerweise nicht selbst tragen kann oder will.

Gerade hier dürfte der Mensch auf absehbare Zeit seine wichtigste Rolle behalten. Eine Maschine kann berechnen, was der Tod eines Elternteils finanziell bedeutet; sie kann aber nicht allein entscheiden, welche Sicherheit diese Familie braucht, welche Unsicherheit sie ertragen möchte und welchen Teil ihres heutigen Einkommens sie für eine mögliche Zukunft aufgeben sollte. Solche Entscheidungen enthalten Mathematik, aber sie bestehen nicht nur aus Mathematik.

Das japanische Experiment ist deshalb weniger interessant, weil nun 35.000 Versicherungsberater künstliche Intelligenz benutzen. Bemerkenswert ist vielmehr, dass sich an ihm eine mögliche neue Arbeitsteilung erkennen lässt. Die Maschine kann jene Tätigkeiten übernehmen, bei denen Gedächtnis, Geschwindigkeit, Datenmenge und Wiederholbarkeit entscheidend sind, während der Mensch dort gebraucht wird, wo Erfahrung, Verantwortung, Vertrauen und Urteil erforderlich bleiben.

Wenn diese Arbeitsteilung gelingt, könnte die künstliche Intelligenz im Versicherungsmarkt etwas bewirken, das wesentlich interessanter wäre als die nächste Automatisierungswelle. Sie könnte gründliche Beratung so weit verbilligen, dass sie nicht mehr das Privileg jener Kunden bleibt, bei denen sich viele Stunden menschlicher Analyse wirtschaftlich rechnen.

Dann wäre die entscheidende Kennzahl eines KI-Systems im Versicherungsvertrieb vielleicht gar nicht, wie viele Arbeitsplätze es einspart oder wie viele Verträge ein Vermittler damit zusätzlich abschließt. Interessanter wäre die Frage, wie viele bislang unerkannte Unterversicherungen es entdeckt, wie viele unnötige Doppelversicherungen es vermeidet, wie viele falsche Annahmen es korrigiert und wie häufig ein Kunde am Ende gerade deshalb keinen neuen Vertrag benötigt, weil die Analyse ergeben hat, dass sein vorhandener Schutz ausreicht.

Erst an diesem Punkt würde aus künstlicher Intelligenz tatsächlich ein Instrument bedarfsgerechter Beratung.

Japan zeigt mit seinem „Digital Buddy“ zunächst nur den Anfang dieses Weges. Dai-ichi Life verbindet generative KI, bestehende Unternehmenssysteme und die Arbeit von rund 35.000 Beratern, um individuelle Beratung besser vorzubereiten und Informationen dort verfügbar zu machen, wo sie gebraucht werden. Die viel größere Möglichkeit liegt jedoch noch vor uns.

Denn vielleicht wird die wichtigste Frage der Versicherungswirtschaft in einigen Jahren nicht mehr lauten, welcher Vermittler die meisten Produkte kennt oder welcher Versicherer den leistungsfähigsten Tarifrechner besitzt. Sie könnte vielmehr lauten, wer als Erster ein System entwickelt, das die wirtschaftliche Wirklichkeit eines Menschen so vollständig, nachvollziehbar und fortlaufend analysieren kann, dass aus dem alten Versprechen der bedarfsgerechten Beratung erstmals ein überprüfbarer Prozess wird.

Und dann müsste sich die Branche einer durchaus unbequemen Frage stellen: Wenn eine Maschine eines Tages innerhalb weniger Minuten erkennen kann, was ein Kunde wirklich braucht und was er gerade nicht braucht, wie viel von dem, was wir heute Versicherungsberatung nennen, war tatsächlich Beratung – und wie viel davon war lediglich Vertrieb?

Wenn der Vermögensberater einen digitalen Kollegen bekommt: Wie KI-Agenten das Private Banking verändernPrivate Banking ...
15/09/2026

Wenn der Vermögensberater einen digitalen Kollegen bekommt: Wie KI-Agenten das Private Banking verändern

Private Banking gehört zu jenen Geschäftsfeldern, deren Wert sich seit jeher nur unvollkommen in Zahlen ausdrücken lässt. Natürlich geht es um Vermögen, Renditen, Risiken und Steuern, doch wer einem Vermögensberater einen erheblichen Teil seines finanziellen Lebens anvertraut, kauft nicht lediglich eine Portfolioanalyse. Er erwartet Erfahrung, Urteilskraft, Verlässlichkeit und nicht zuletzt die Gewissheit, dass jemand seine persönliche Situation kennt und auch dann noch versteht, wenn sie sich nicht in einer Excel-Tabelle abbilden lässt.

Ausgerechnet in dieses besonders persönliche Geschäft dringt nun die künstliche Intelligenz mit bemerkenswerter Geschwindigkeit vor.

Dabei geschieht etwas anderes als bei den ersten sogenannten Robo-Advisors, die vor einigen Jahren versprachen, Geldanlage zu automatisieren. Damals beantwortete ein Kunde einige Fragen zu Vermögen, Anlagehorizont und Risikobereitschaft, worauf ein Algorithmus ein geeignet erscheinendes Portfolio zusammenstellte. Das war Automatisierung, aber noch keine Intelligenz im heutigen Sinne.

Die neue Generation beginnt an einer anderen Stelle.

Sie ersetzt zunächst nicht den Vermögensberater.

Sie setzt sich neben ihn.

Claude bekommt einen Arbeitsplatz im Private Banking

Wie weit diese Entwicklung inzwischen fortgeschritten ist, zeigt eine Ankündigung, die Anthropic erst in diesen Tagen gemacht hat. Das amerikanische KI-Unternehmen hat mit „Claude for Financial Advisors“ eine speziell für Finanz- und Vermögensberater entwickelte Umgebung vorgestellt.

Das Interessante daran ist weniger, dass Claude etwas über Aktien, Anleihen oder Portfolios weiß. Das können moderne allgemeine KI-Systeme längst.

Entscheidend ist, dass Claude nun Zugang zu jenen Werkzeugen erhält, mit denen professionelle Vermögensberater tatsächlich arbeiten.

Zu den angebundenen Unternehmen und Plattformen gehören BlackRock, Charles Schwab, Addepar, Envestnet, iCapital, Orion und Wealthbox. Damit kann die künstliche Intelligenz Informationen aus unterschiedlichen Systemen zusammenführen, ein Kundengespräch vorbereiten, ein Portfolio untersuchen und anschließend auch bei der Nachbereitung des Gesprächs helfen.

Aus dem Chatbot wird damit etwas grundsätzlich anderes.

Ein Chatbot wartet auf eine Frage.

Ein digitaler Kollege kennt die Arbeitsumgebung.

Dieser Unterschied mag zunächst gering erscheinen. Für die Organisation einer Bank oder eines Vermögensverwalters ist er erheblich.

Man stelle sich einen Private-Banking-Berater vor, der am nächsten Morgen einen Termin mit einer langjährigen Kundin hat. Früher müsste er unterschiedliche Systeme öffnen, die Entwicklung des Depots ansehen, Veränderungen seit dem letzten Gespräch feststellen, Research lesen, Notizen aus früheren Gesprächen durchsuchen und daraus eine Gesprächsvorbereitung erstellen.

Ein entsprechend angebundener KI-Agent kann einen erheblichen Teil dieser Arbeit übernehmen.

Wenn der Berater morgens an seinen Arbeitsplatz kommt, könnte die eigentliche Frage deshalb irgendwann nicht mehr lauten: „Welche Informationen muss ich noch zusammensuchen?“

Sie könnte lauten: „Was muss ich wissen, bevor Frau Müller um zehn Uhr kommt?“

Der Computer beginnt, den Kunden zu kennen

Genau hier verändert sich die Rolle künstlicher Intelligenz.

Bislang bestand die besondere Stärke eines erfahrenen Vermögensberaters häufig darin, dass er Zusammenhänge kannte, die in keinem einzelnen System vollständig sichtbar waren.

Er wusste vielleicht, dass ein Unternehmer in drei Jahren seine Firma verkaufen möchte, dass dessen Tochter in London studiert, dass ein Immobilienkredit ausläuft und dass der Kunde bei stärkeren Börsenverlusten nervöser reagiert, als sein offiziell hinterlegtes Risikoprofil vermuten lässt.

Solche Informationen waren über Akten, Gesprächsnotizen, CRM-Systeme und das Gedächtnis des Beraters verteilt.

Ein moderner Finanzagent kann beginnen, genau diese verstreuten Informationen miteinander zu verbinden.

Das bedeutet nicht, dass er den Menschen tatsächlich „kennt“. Er kennt Daten über ihn. Dieser Unterschied bleibt wesentlich.

Aber für einen beträchtlichen Teil der täglichen Beratungsarbeit genügt bereits die Fähigkeit, Informationen zusammenzuführen, die ein Mensch nur mit erheblichem Zeitaufwand gleichzeitig überblicken könnte.

Damit entsteht eine merkwürdige Umkehrung.

Früher besaß der Computer die Zahlen und der Berater den Zusammenhang.

Künftig könnte die Maschine zunehmend beides besitzen.

BlackRock baut seit längerem am digitalen Kollegen

Dass diese Entwicklung nicht auf Anthropic beschränkt ist, zeigt BlackRock mit seiner Aladdin-Wealth-Technologie.

Aladdin gehört seit Jahren zu den mächtigsten technischen Infrastrukturen der internationalen Vermögensverwaltung. Inzwischen wird die Plattform zunehmend um KI-gestützte Funktionen erweitert, mit denen Portfolios analysiert, Risiken sichtbar gemacht und Informationen für Kundengespräche aufbereitet werden können.

Besonders anschaulich ist das sogenannte Auto Commentary. Ein System kann Portfoliodaten, Risikoinformationen, die Investmentauffassung eines Hauses und kundenspezifische Angaben miteinander verbinden und daraus einen verständlichen Entwurf für die Kommunikation mit dem Kunden erzeugen.

Die Maschine ersetzt damit zunächst nicht das Gespräch.

Sie schreibt gewissermaßen dessen ersten Entwurf.

Für einen erfahrenen Berater kann das ein erheblicher Vorteil sein. Statt einen großen Teil seiner Arbeitszeit mit Informationssuche und Vorbereitung zu verbringen, kann er sich stärker auf jene Tätigkeit konzentrieren, die bislang wesentlich schwieriger automatisierbar ist: mit dem Kunden über dessen tatsächliche Ziele zu sprechen.

Vielleicht liegt gerade darin die zunächst sympathischste Möglichkeit dieser Entwicklung.

Die künstliche Intelligenz könnte das Private Banking nicht unpersönlicher, sondern paradoxerweise wieder persönlicher machen, wenn sie dem Berater jene Zeit zurückgibt, die in den vergangenen Jahrzehnten durch Dokumentationspflichten, Software, Regulierung und Verwaltung immer stärker aufgezehrt wurde.

Ob dies tatsächlich geschieht, ist allerdings noch keineswegs entschieden.

In Dänemark beginnt die Maschine bereits zu beobachten

Ein besonders interessantes Beispiel kommt derzeit aus Europa.

Danske Bank hat im September mit „Butterfly“ eine neue Beratungslösung für vermögende Privatkunden vorgestellt, die auf BlackRocks Aladdin-Wealth-Technologie aufbaut. Die Bank bezeichnet das Projekt als ihre bislang größte Investition in das Wealth Management.

Entscheidend ist dabei ein unscheinbares Wort: proaktiv.

Die klassische Vermögensberatung ist überwiegend ereignisgesteuert. Ein Kunde vereinbart einen Termin, ein Berater überprüft das Portfolio, oder eine erhebliche Marktbewegung gibt Anlass zu einem Gespräch.

Ein intelligentes System kann Portfolios dagegen fortlaufend beobachten, Szenarien berechnen und Veränderungen erkennen, aus denen Beratungsbedarf entstehen könnte.

Damit verschiebt sich die Reihenfolge.

Nicht mehr der Mensch erkennt zuerst das Problem und fragt anschließend den Computer nach Informationen.

Der Computer erkennt eine Auffälligkeit und macht den Menschen darauf aufmerksam.

Das ist der Punkt, an dem aus künstlicher Intelligenz allmählich ein Agent wird.

Und nun kommt OpenAI

Fast gleichzeitig baut auch OpenAI seine Finanzaktivitäten erheblich aus. Mit „ChatGPT for Financial Services“ steht seit wenigen Tagen eine spezialisierte Arbeitsumgebung zur Verfügung, die Finanzdaten mit den Analysefähigkeiten von GPT-6 Astra verbindet.

Der Schwerpunkt liegt bislang stärker auf Investmentbanking, Research, Finanzmodellierung und der Erstellung von Kundenunterlagen als auf der klassischen privaten Vermögensberatung. Dennoch ist die Richtung dieselbe.

Die allgemeine KI wird zum Facharbeitsplatz.

Das ist für den Wettbewerb entscheidend. Denn Banken und Vermögensverwalter werden künftig möglicherweise nicht mehr fragen, welches Sprachmodell die schönsten Antworten formuliert.

Sie werden fragen, welches System ihre Daten versteht, ihre Fachsoftware bedienen kann, regulatorische Vorgaben berücksichtigt, zuverlässig dokumentiert, was es getan hat, und sich in bestehende Arbeitsabläufe einfügt.

Der Wettbewerb verlagert sich damit vom Modell zum digitalen Kollegen.

Der Vermögensberater könnte zum Chef eines kleinen digitalen Teams werden

Denkt man diese Entwicklung einige Jahre weiter, entsteht ein anderes Berufsbild.

Ein Vermögensberater könnte künftig nicht nur einen einzigen KI-Assistenten besitzen, sondern mehrere digitale Spezialisten koordinieren.

Ein Agent überwacht Portfolios. Ein zweiter analysiert steuerliche Veränderungen. Ein dritter verfolgt Märkte und Research. Ein vierter bereitet Kundentermine vor. Ein fünfter dokumentiert das Gespräch und erstellt anschließend die notwendigen Arbeitsschritte.

Der menschliche Berater würde damit zunehmend eine Rolle übernehmen, die einem Partner in einer Kanzlei oder dem Leiter eines kleinen Expertenteams ähnelt.

Er muss nicht mehr jede Analyse selbst herstellen.

Er muss beurteilen können, welcher Analyse er vertrauen darf.

Das klingt nach einer Erleichterung. Tatsächlich könnte es die Anforderungen an den Beruf sogar erhöhen.

Denn einen Fehler selbst zu machen und einen Fehler eines scheinbar hochkompetenten digitalen Spezialisten zu erkennen, sind zwei unterschiedliche Fähigkeiten.

Wer trägt die Verantwortung?

Damit erreichen wir die schwierigste Frage.

Die heutigen Anbieter ziehen ihre Grenze noch auffallend vorsichtig. Die KI soll analysieren, recherchieren, vorbereiten und Vorschläge strukturieren; die eigentliche persönliche Anlageempfehlung bleibt grundsätzlich beim Menschen.

Dafür gibt es gute Gründe.

Eine Empfehlung, einen erheblichen Teil des Vermögens umzuschichten, ist etwas anderes als eine automatisch erzeugte Zusammenfassung eines Geschäftsberichts. Sie kann erhebliche wirtschaftliche Folgen besitzen und unterliegt im regulierten Finanzgeschäft besonderen Anforderungen.

Was aber geschieht, wenn die menschliche Empfehlung faktisch immer stärker aus der Vorarbeit einer Maschine entsteht?

Nehmen wir an, ein Agent analysiert zehntausend Datenpunkte, erkennt ein Risiko, berechnet Alternativen, schlägt eine Umschichtung vor und formuliert sogar die Begründung. Der Berater liest das Ergebnis, hält es für plausibel und spricht anschließend die Empfehlung gegenüber dem Kunden aus.

Formal hat der Mensch beraten.

Aber wer hat die eigentliche Entscheidung vorbereitet?

Diese Frage wird mit jedem leistungsfähigeren Agenten schwieriger.

Der gefährlichste Berater wäre vielleicht derjenige, der seiner KI zu sehr vertraut

Die größte Gefahr besteht deshalb möglicherweise nicht darin, dass künstliche Intelligenz eines Tages vollkommen autonom Vermögen verwaltet.

Sie könnte viel früher entstehen.

Ein Berater, der weiß, dass eine Maschine gelegentlich irrt, kontrolliert sie.

Ein Berater, der über Monate erlebt hat, dass dieselbe Maschine fast immer recht hatte, beginnt möglicherweise, ihre Ergebnisse nur noch zu bestätigen.

Gerade erfolgreiche KI erzeugt damit ein eigenartiges Risiko: Je zuverlässiger sie erscheint, desto geringer wird der menschliche Widerstand gegen ihren nächsten Fehler.

Im Finanzgeschäft ist das besonders bedeutsam, weil Märkte Situationen hervorbringen können, die in historischen Daten kaum oder überhaupt nicht enthalten waren.

Die menschliche Verantwortung darf deshalb nicht zu einem Häkchen am Ende eines weitgehend automatisierten Prozesses werden.

Wenn ein Mensch eine Entscheidung verantworten soll, muss er noch in der Lage sein, sie tatsächlich zu verstehen und gegebenenfalls gegen die Empfehlung seiner Maschine zu treffen.

Auch der Kunde bekommt eine KI

Eine weitere Entwicklung wird bislang erstaunlich wenig diskutiert.

Nicht nur der Vermögensberater wird einen digitalen Kollegen besitzen.

Der Kunde wird ebenfalls einen haben.

Schon heute können Privatpersonen allgemeine KI-Systeme benutzen, um Geschäftsberichte erklären, Anlageprodukte vergleichen oder komplizierte Finanzbegriffe übersetzen zu lassen. Diese Systeme werden in den kommenden Jahren ebenfalls leistungsfähiger und persönlicher werden.

Damit könnte am Beratungstisch eine völlig neue Konstellation entstehen.

Auf der einen Seite sitzt der Bankberater mit seiner professionellen Fach-KI, die Portfolios, Research, Risikomodelle und interne Bankdaten kennt.

Auf der anderen Seite sitzt ein Kunde, dessen persönliche KI seine Vermögenssituation, Ziele und vielleicht sogar frühere Beratungsgespräche kennt.

Der Berater sagt: „Wir empfehlen diese Umschichtung.“

Der Kunde fragt nicht mehr nur: „Warum?“

Sein eigener Agent könnte vorher bereits untersucht haben, welche Kosten entstehen, welche Alternativen existieren und ob die Empfehlung mit seinen persönlichen Zielen übereinstimmt.

Private Banking würde dadurch nicht zwangsläufig verschwinden.

Es könnte anspruchsvoller werden.

Vielleicht wird Vertrauen sogar wertvoller

Das klingt zunächst paradox.

Je mehr Analyse Maschinen übernehmen können, desto weniger dürfte die reine Informationsbeschaffung als Dienstleistung wert sein.

Ein Kunde wird künftig kaum bereit sein, hohe Gebühren allein dafür zu bezahlen, dass jemand Informationen zusammenträgt, die seine eigene KI innerhalb weniger Sekunden ebenfalls finden kann.

Der Wert professioneller Beratung müsste deshalb an anderer Stelle entstehen.

Er könnte in der Fähigkeit liegen, widersprüchliche Informationen zu beurteilen, Risiken einzuordnen, Verantwortung zu übernehmen und einen Menschen auch dann zu verstehen, wenn dessen Wünsche nicht mathematisch optimal erscheinen.

Denn Vermögen ist selten nur eine Zahl.

Ein Haus kann aus Sicht eines Portfoliomodells eine ungünstige Vermögenskonzentration sein und für seinen Eigentümer trotzdem der Ort, an dem seine Familie seit Generationen lebt. Eine Aktie kann ökonomisch verkauft werden müssen und emotional mit dem Lebenswerk eines Unternehmers verbunden sein. Ein mathematisch optimales Portfolio kann für einen Menschen unerträglich sein, wenn er nachts wegen seiner Schwankungen nicht schlafen kann.

Eine Maschine kann solche Zusammenhänge zunehmend erkennen.

Ob sie ihnen dieselbe Bedeutung beimisst wie ein Mensch, ist eine andere Frage.

Das Private Banking verschwindet nicht – aber sein Produkt verändert sich

Vielleicht liegt deshalb ein Missverständnis darin, künstliche Intelligenz immer unter der Frage zu betrachten, welchen Beruf sie ersetzen wird.

Für das Private Banking ist zunächst eine andere Entwicklung wahrscheinlicher.

Der Vermögensberater bleibt.

Aber das, wofür er bezahlt wird, verändert sich.

Recherche wird billiger. Portfolioanalyse wird schneller. Standardisierte Dokumentation wird zunehmend automatisiert. Marktinformationen werden nahezu überall verfügbar.

Teurer und wertvoller werden dagegen Urteilskraft, Verantwortung, Vertrauen und die Fähigkeit, aus einer nahezu unbegrenzten Menge maschinell erzeugter Analysen eine vernünftige Entscheidung für einen bestimmten Menschen abzuleiten.

Anthropics Claude for Financial Advisors, BlackRocks Aladdin Wealth, Danske Banks Butterfly und OpenAIs neue Finanzplattform sind deshalb mehr als einige neue Softwareprodukte. Sie markieren den Beginn einer Veränderung des Berufs selbst.

Der digitale Kollege ist angekommen.

Noch sitzt er im Hintergrund, bereitet Termine vor, untersucht Portfolios und schreibt Entwürfe. Noch spricht am Ende der menschliche Berater mit dem Kunden und trägt die Verantwortung.

Doch mit jeder neuen Generation wird der digitale Kollege etwas kompetenter, etwas selbständiger und etwas besser darüber informiert, was sein menschlicher Partner gerade wissen sollte.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage für das Private Banking deshalb schon bald nicht mehr, ob ein Vermögensberater künstliche Intelligenz benutzt.

Sie lautet vielmehr:

Was muss ein Vermögensberater künftig noch besser können als sein digitaler Kollege, damit der Kunde weiterhin gerade ihm sein Vermögen anvertraut?

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