11/10/2026
Coming Out Day. Ich habe heute Geburtstag. Und trotzdem ist mir nicht nur nach Feiern.
Der 11. Oktober ist Coming Out Day. Für mich eine fast ironische Fügung, denn ich habe mich nie anders als lesbisch empfunden. Ich bin quasi schon mit meinem Coming-out auf die Welt gekommen.
Frauen zu lieben war für mich nie eine Entscheidung, nie ein Konflikt und nie etwas, das einer Rechtfertigung bedurfte. Es war selbstverständlich.
Und genau diese Selbstverständlichkeit wünsche ich mir für alle.
Doch wie viel Grund zum Feiern haben wir eigentlich?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der queerfeindliche Straftaten zunehmen, rassistische Ressentiments wieder gesellschaftsfähiger werden und eine Partei wie die AfD erheblichen politischen Zuspruch erhält.
Als Mutter von fünf Kindern frage ich mich immer häufiger: In welcher Welt sollen meine Kinder einmal leben?
In einer, in der sie erklären müssen, warum sie zwei Mütter haben? In der Menschen Mut brauchen, um offen zu lieben? In der Vielfalt als Bedrohung statt als Bereicherung verstanden wird?
Manchmal frage ich mich, wie viel Kraft ich noch habe, als Unternehmerin mit „Wirtschaft widerspricht – Werte vor Umsatz“ immer wieder Haltung zu zeigen, zu diskutieren und zu widersprechen. Für etwas zu kämpfen, das eigentlich keiner Diskussion bedürfen sollte.
Und dann schaue ich meine fünf Kinder an.
Ich möchte ihnen keine Welt hinterlassen, in der Anpassung der Preis für Akzeptanz ist.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragik des Coming Out Day: Dass wir ihn überhaupt noch brauchen.
Denn wen wir lieben, sollte irgendwann genauso irrelevant sein wie die Frage, welche Augenfarbe wir haben.
Liebe sollte niemals eine Mutprobe sein.
Und mein Geburtstagswunsch?
Dass meine Kinder eines Tages nicht mehr für die Selbstverständlichkeiten kämpfen müssen, für die ich heute noch meine Stimme erhebe.