16/04/2021
Stuttgart by Vermehrt
„Eines der größten Baugebiete in der Region“
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung 📰
Ist Korntal-Münchingen beispielhaft für die Region?
Wird der Stadtteil Korntal in absehbarer
Zeit abermals um
1000 Einwohner wachsen? Unwahrscheinlich
ist das nicht, sollten die
Pläne Realität werden, die die Korntal-
Münchinger Verwaltung in der jüngsten
Gemeinderatssitzung präsentiert hat. Ein
österreichischer Investor plant die Bebauung
eines dreieinhalb Hektar großen
Areals an der Bahnlinie, an der Markungsgrenze
zur Landeshauptstadt. Auf dem
Gelände Greutter/Aichelin könnten 500
bis 550 Wohneinheiten entstehen. „Die
Chance ist relativ einmalig“, warb der parteilose
Bürgermeister Joachim Wolf für
das Projekt. „Es ist ein Glücksfall, dass die
Vermehrt AG sich des Projekts annimmt.“
Der Gemeinderat sieht das in Teilen
anders. Er forderte die Verwaltung deshalb
mehrheitlich dazu auf, zunächst ein
Stadtentwicklungskonzept
zu erstellen.
Er will damit sichergestellt
wissen, dass
einerseits die Infrastruktur
mit der Einwohnerzahl
mitwächst,
andererseits
die bisherigen Bewohner an der Entwicklung
beteiligt werden. Dem Beschluss war
ein entsprechender interfraktioneller Antrag
vorausgegangen. Einzig die Freien
Wähler hatten diesen nicht unterzeichnet.
Das Gebiet Greutter/ Aichelin ist ungeordnet,
kleinteilig gegliedert, historisch
gewachsen und teilweise Brache. Etwa
zwei Drittel der dreieinhalb Hektar gehören
einer österreichischen Bank, ein Drittel
der Familie Berger. Heinz Berger hatte
nach Christian Aichelins Tod die Leitung
der gleichnamigen Firma übernommen.
Anstrengungen, die Fläche an der Bahnlinie
nutzbar zu machen, waren in der Vergangenheit
gescheitert.
Durch die Lembergstraße getrennt,
schließt sich ein viereinhalb Hektar großes
Gelände der Güterkaufsgesellschaft
(GKG) an. Dies ist derzeit nicht Teil der
Planungen. Die GKG habe an Kleingärtner
und ein Unternehmen verpachtet, das
Parkplätze für Wohnwagen vermietet, sagt
der GKG-Vorstandssprecher Paul Link.
Dabei würde er es erst einmal belassen.
Versuche der Stadt, die Grundstückseigentümer
an einen Tisch zu holen,
scheiterten. Das änderte sich mit dem Interesse
des österreichischen Investors an
der Konversionsfläche. Die sei derzeit
„suboptimal genutzt“, meint der Planungschef
der Region, Thomas Kiwitt.
„Wir werden in Zukunft stärker solche
Strukturwandelprozesse sehen“, ist er
überzeugt. In der Debatte um die Fläche
sind alle Themen berührt, welche die
Stadtentwicklung in der Region prägen.
Doch mit der Ausweisung jedes größeren
Baugebiets sind die Kommunen in der
Pflicht, die Infrastruktur – von Kindertagesstätte
bis öffentlichen Personennahverkehr
– anzupassen.
Für Korntal-Münchingen selbst wäre
das Baugebiet nach Korntal West das
zweite große Areal, das binnen kurzer Zeit
mit je rund tausend Einwohnern aufgesiedelt
würde. Die Stadt am Ortsrand der
Landeshauptstadt hat heute knapp 20 000
Einwohner, rund die Hälfte davon lebt im
Stadtteil Korntal.
Der Stadtteil würde binnen weniger
Jahre um 2000 Einwohner wachsen. Die
Integration der Neubürger hält Planungschef
Kiwitt für lösbar. Er verweist auf die
„gewachsene Integrationsleistung“ der
Region. „Die bunte Struktur macht es einfacher
zu integrieren.“ Das Baugebiet ist
sowohl laut der Ludwigsburger Kreisbehörde
als auch des Regionalverbands zwar
nicht flächenmäßig, gleichwohl bezogen
auf die Einwohnerzahl eines der größten
in der Region. Dessen ist sich der Gemeinderat
wohl bewusst. „Es geht nicht um
Blockadepolitik. Es geht darum Folgen
und Risiken abschätzen zu können“, fasste
der FDP-Rat Peter Ott die Haltung der
Ratsmehrheit zusammen. Der Bürgermeister
bekräftigte die Antragsteller
grundsätzlich in ihrem Ansinnen, zumal
ein auf der Agenda stehendes Stadtentwicklungskonzept
ohnehin zunächst hätte
erstellt werden sollen – auch wenn es den
Investor nicht gäbe.
Bürgermeister Joachim Wolf hielt Ott
und seinen Mitstreitern entgegen, dass
unklar sei, ob der Investor bis zur Fertigstellung
des Stadtentwicklungskonzepts
in rund zwei Jahren warten würde. Zumal
auf dem Gelände schon jetzt gebaut werden
könnte. „Baurecht gibt es dort. Die
Gefahr ist zu groß, so lange mit einer Entscheidung
zu warten.“ Mit einem Aufstellungsbeschluss
– also dem Startschuss für
ein Bebauungsplanverfahren – sei lediglich
das Signal verbunden, sich damit befassen
zu wollen, so Wolf. Im Verlauf der
Diskussion fügte er an, es ginge um ein
Signal an den Investor, „nicht drei Jahre
warten zu müssen, bis wir uns entscheiden.“
Letztlich signalisierte zunächst der
Rat, nicht auf das gesamte Stadtentwicklungskonzept,
sondern auf wesentliche
Teile zu bestehen, um vertiefende Gespräche
mit dem Investor führen zu können.
Ob dieser unter diesen Voraussetzungen
dabei bleibt, zeigen die nächsten Wochen.